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WOLF-DIETER TRUPPAT
Kirchheim. Schon ab 7 Uhr zeigten die Marktleute mit
Fähnchen und flotten, mit blau-weiß-roten Bändern geschmückten Hütchen,
dass sie von Kopf bis Fuß auf Frankreich eingestellt sind. Statt Eiern
gab es dann eben einen Tag lang „des oefs“ im erweiterten oder auch nur
einfallsreich frankophil eingefärbten Angebot des Wochenmarkts und den
zusätzlich eingerichteten Verköstigungsständen. Nicht nur das Wetter,
auch die Stimmung in der Stadt war prächtig.
Schließlich wurde an diesem Tag kein rein formaler Akt
gewürdigt. Mit Stolz und Freude wurde vielmehr zur Kenntnis genommen,
dass aus einst vorsichtigen Versuchen einer Annäherung verfeindeter
Länder längst schon über Jahre währende Freundschaften entstanden sind,
die immer wieder aufs Neue vertieft und weiterentwickelt werden.
Die Frage, warum es so wenig Freundschaften in der
Welt gibt, beantwortete Angelika Matt-Heidecker mit einem Zitat von
Antoine de Saint-Exupéry, der zu dem Schluss gekommen war: „Weil man
sie nicht kaufen kann – man muss sie sich erwerben.“ Sehr viele der
Menschen, die sich am Martinskirchplatz zur Feierstunde versammelt
hatten, hätten das wohl genauso unterschrieben wie die beiden
Stadtoberhäupter und die beiden Präsidenten der jeweiligen
Partnerschaftsausschüsse die vorbereitete Seite im Goldenen Buch der
Stadt.
Zunächst hatte die Stadtkapelle unter der Leitung von
Harry D. Bath mit der französischen und deutschen Nationalhymne die
Konzentration auf ein Thema eingeleitet, das vor 40 Jahren so niemand
für möglich gehalten hätte. Angelika Matt-Heidecker hatte die Ehre,
feststellen zu dürfen, „dass die Mission der Menschen der ersten Stunde
erfüllt ist“. Jocelyne Thome-Patenotre und Franz Krönig hatten
tatsächlich die Weichen dafür gestellt, dass aus vorangegangenen
Feindseligkeiten sich Freundschaften bilden konnten, Comités de
Jumelage entstanden und Bürger sich aufeinander zubewegten und bis
heute zubewegen: in Vereinen, Institutionen, aber auch – und vor allem
- auf ganz persönlicher privater Ebene.
Ganz besonders betonte Angelika Matt-Heidecker die
Tatsache, dass mit inzwischen 63 Jahren die längste Friedensperiode in
West- und Mitteleuropa gefeiert werden kann. Nicht zuletzt Charles de
Gaulle und Konrad Adenauer ist das zu verdanken, die den entscheidenden
und nachhaltigen Kurswandel eingeleitet hatten. Der Elysée-Vertrag
hatte einen „Rosenkrieg“ zwar verhindert, dafür aber leidenschaftliche
Diskussionen unter Rosenkennern ausgelöst.
Ein desillusioniert nach Bonn gereister Charles de
Gaulle habe seinen Verhandlungspartner darauf hingewiesen: „Verträge
sind wie Rosen und junge Mädchen, sie verblühen“, führte Angelika
Matt-Heidecker aus. Adenauers Replik, dass die Rose die ausdauerndste
unter den Pflanzen sei, wollte sein Gesprächspartner nicht gelten
lassen: Der unterzeichnete Vertrag sei keine Rose, nicht einmal ein
Rosenstock, sondern ein Rosengarten, der sehr lange überdauert. Wie
wahr das ist, belegt die zwischen Rambouillet und Kirchheim schon im
40. Jahr bestehende Partnerschaft, die Oberbürgermeisterin
Matt-Heidecker attestierte, dass sie „in voller Blüte“ steht.
Für ihren Amtskollegen Gérard Larcher ist der
Geburtstag einer Städtepartnerschaft „nicht nur ein Fest, sondern auch
eine Erinnerungs- und Zukunftszeit: es ist die Zeit der Durchgabe des
Erbes“. Zu Beginn seiner mit charmantem französischen Akzent zunächst
auf Deutsch gehaltenen und anschließend von ihm selbst für seine
Landsleute auch noch ins Französische übersetzten Ausführungen zitierte
er Goethes Rat: „Was du von deinen Ahnen bekommen hast, sammle es, um
es zu besitzen.“
Dieser Geburtstag ist für ihn auch ein Symbol des von
den Kriegsgefangenen gewünschten Friedens und ihrer Hoffnung auf einen
europäischen Aufbau. Die Partnerschaft der beiden Städte steht für ihn
für einen gemeinsamen Willen, die Umwelt zu schützen und gemeinsam auf
ökologischem und menschlichem Gebiet nachhaltig zu entwickeln.
Erste Schritte dazu sind längst eingeleitet. Ein Tag
des Aufenthalts stand ganz im Zeichen eines Kongresses zum Thema
erneuerbare Energien. Auch Kooperationen von Unternehmen beider Städte
gibt es. Besonders attraktiv dürfte für Jugendliche die Möglichkeit
sein, sich um ein Praktikum in der jeweiligen Partnerstadt zu bewerben.
Dass Kirchheim und Rambouillet es verstanden hätten, in
„einer gefühlvollen Freundschaft“ dafür sorgen zu können, dass „die
alten historischen Ereignisse verblassen konnten“, bestätigte
Bürgermeister Török aus Kirchheims ungarischer Partnerstadt Kalocsa.
Auch dieser Verbindung steht ein „runder Geburtstag“ bevor, besteht
diese deutsch-ungarische Partnerschaft im Jahr 2010 doch auch schon 20
Jahre.
Nachdem Gérard Larcher aus der Hand von
Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker ein Bild der Teck entgegenehmen
durfte, revanchierte er sich mit einem von ihm gleich selbst ungeduldig
enthüllten Bild des Schlosses von Rambouillet. Bürgermeister Török
hatte weiße handbestickte Tischdecken im Gepäck, die symbolträchtig
darauf hinweisen sollten, „dass man am weißen Tisch die Probleme mit
gegenseitigen Kompromissen und mit Freundschaft lösen kann.
Um sicherzustellen, dass es keine
Verständigungsprobleme geben kann, übersetzte Karl-Heinz Riefort
gewohnt souverän ins Französische. Höhepunkt der Veranstaltung war dann
der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. Nach Bürgermeister Larcher und
Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker unterzeichneten Michel Grall und
Karl-Heinz Riefort als Vorsitzende der jeweiligen
Partnerschaftsausschüsse das wichtige Dokument über einen unvergessenen
Tag.
Mit der auch als „Marseillaise der Menschheit“
bezeichneten Europahymne sorgten die Mitglieder des Chorale Saint
Lubin, des Katholischen Kirchenchors und des Chors der Martinskirche
für den harmonischen Schlusspunkt einer würdigen Feierstunde.
Für die Delegationsmitglieder war an ein Ende des
Programms noch lange nicht zu denken, denn im Rathaus stand auch eine
Ausstellungseröffnung auf dem Programm und es galt auch, dem
Kirchheimer Schloss Referenz zu erweisen. Der Rambouilletplatz mit dem
neuen Pavillon war dann für das Pflanzen eines Baumes ausgewählt. Ein
Zierkirschenbaum soll mit seinen betörenden Blüten jedes Frühjahr aufs
Neue daran erinnern, dass auch die Partnerschaft weiter blüht und
gedeiht.
Nach Folklore mit „Bal Folk“ unter den Rathausarkaden
gab es auch hier ein Musikprogramm, das deutlich machte, dass
deutsch-französische Verständigung nicht nur etwas für „die ältere
Generation“ sein darf. Gerade die Jugend ist jetzt gefragt, den
erfolgreich eingeschlagenen Weg fortzuführen. Nach „Bal Folk“ sorgte
auch die Jugendband „Südapotheke“ dafür, die Bedeutung dieses Tages
auch der jüngeren Generation bewusst zu machen.
Neben dem französisch geprägten Wochenmarkt wies in
der Innenstadt auch ein Künstlermarkt und natürlich die Präsentation
historischer Feuerwehrtechnik „Zufallsbesucher“ darauf hin, dass dieses
Wochenende offensichtlich etwas ganz Besonderes war.
Nach einem gemeinsamen Abend mit Gästen und Gastgebern
in der Stadthalle endete gestern mit einem ökumenischen Gottesdienst in
der Martinskirche ein abwechslungsreiches Wochenende, das einmal mehr
gezeigt hatte, dass in Rambouillet und Kirchheim über Partnerschaft
nicht nur geredet, sondern dass sie längst nations- und
generationsübergreifend gelebt wird.
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